
“Der Sandmann” von E. T. A. Hoffmann bietet mehr Inhalt und Interpretationsmöglichkeit, als in einen gewöhnlichen Essay passen würde. Vor allem, weil die Themen weiter gestreckt sind als ein elastischer Pizzateig. Bild der Frau, Paranoia, Realität. Und komischerweise Augen. Dennoch finden wir im Thema “Mensch gegen Maschine” erstaunliche parallelen zur derzeitigen Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz.
Nathanael und der Feuerkreis
Der Protagonist Nathanael ist schon früh von Furcht geprägt. Ein mysteriöser Besucher, der ihm in seinen Kindertagen als Sandmann verkauft wird, besucht oft seinen Vater um scheinbar alchemistische Versuche durchzuführen. Das erste dramatische Ergeignis ist der Tod des Vaters bei einem dieser Versuche. Vielleicht das erste Augenzwinkern und Foreshadowing? Die neue “Technologie” raubt ihm durch eine Explosion einen Teil seiner Familie und auch sein eigenes Schicksal wird maßgeblich durch experimentelle Technik beeinflusst. Hoffmann benutzt dabei immer wieder das Motiv des Feuers, da Nathanael von nun an sein Glück durch einen metaphorischen “Feuerkreis” in Gefahr sieht.
Zugleich respekteinflößend, ist Feuer auch stellvertretend für Fortschritt, Erfindung und die Weitereintwicklung der Gesellschaft. Wir schreiben dem Feuer in Hoffmans Geschichte nichts Positives zu, aber ist dieses Beispiel nicht ähnlich jeder Debatte, die wir als Gesellschaft um Technologien führen? Könnte es nicht auch eine Gegenposition geben, die die alchemistischen Experimente rechtfertig, eventuell unterstützt? Mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz scheint es ähnlich zu sein. Wo zuerst Fiktion prognostiziert hat, dass die Maschinen ab einem gewissen Punkt die Menschheit untergräbt, zeugen die kommenden KI-Gesetze [zum heutigen Stand] davon, dass auch wir einen Feuerkreis sehen. Eine Befürchtung, durch zu rasche und tiefgreifende Veränderung, schwere Verluste zu erleiden. Vor einige Dekaden schien diese Angst so lächerlich und sehr weit entfernt. Menschen haben sich Maschinen und Programme angeschaut, ohne jegliche Evidenz, dass diese Technik Menschen bedrohen könnte. Das Gedankenspiel war lustig. Mo Gawdat hat die Innovationen und Prozesse erster Hand miterlebt, schon früher Potenzial erkannt und sieht die Zukunft heute pessimistischer. Der Grund: wir gehen zu leichtfertig mit KI um.
Das bedrohliche Feuer, dass Nathanael sieht und verzweifelt versucht zu meiden, haben wir früh in unserer Gesellschaft etabliert. Wir lassen und von den witzigen AI Grafiken locken, lassen Texte generieren oder spielen mit Code herum, der von ChatGPT stammt. Natürlich wird alles mit Vorsicht genossen. Man weiß ja auch, dass es Risiken geben kann. Dennoch ist der Fortschritt viel zu aussichtsreich, das Thema zu spannend.
Verführerische Gläser und Augmentierung
Während Nathanaels Studienzeit trifft er auf einen Brillenhändler, den er als den Sandmann wiederzuerkennen scheint. Das wird ihm aber schnell ausgeredet und er vertraut dem fremden Händler so sehr, dass er zeitnah eine Brille von ihm kauft, durch die er bestimmte Dinge schöner wahrnimmt. Natürlich verbirgt sich der Sandmann, Coppelius, hinter dem Händler, und auch die Gläser sind alchemisch beeinflusst, sodass sich Nathanael in eine mechanische Puppe verliebt, die er die meiste Zeit aus der Ferne sieht. Ist diese Brille ein Instagram Filter? Ist die Puppe ein Chatverlauf, generiert von GPT. Vielleicht auf Tinder? Ist die Intention Catfishing, eine Art Enkeltrick oder lediglich Trolling?
Hoffmann veröffentlichte “Der Sandmann” 1816. Wo wir heute mit ChatGPT konferieren und uns vorstellen, es sei eine reale Person, ist anzuzweifeln dass Menschen in 1816 eine Dampfmaschine anschauten und sie mit einem sehr starken Mann verwechselten. Die Assoziationen liegen so fern und passen gleichzeitig so gut zum Zeitgeschehen. Nathanael verfällt der Brille und blickt fast nur noch durch sie auf Dinge. Kann man es ihm verübeln? Weshalb sollten wir die unperfekten Bilder präsentieren oder uns jemandem zeigen, wohl wissentlich, dass wir innerhalb von Sekunden alles negative künstlich herausschleifen kann. In vielen Debatten geht es meist um zwei Optionen: Brille aufbehalten oder absetzen. KI entsagen oder entwickeln. In Realität gibt es so viele Optionen dazwischen.
Unaufhaltsame Liebe
Die Geschichte wäre nur halb so tragisch, würde Nathanael die Brille absetzen, sich nicht auf die Puppe einlassen und sein Studium fortsetzen. Er klammert sich an seine angebete, so lange bis sie sich in einer heftigen Szene als Automat entpuppt, an dessen Konstruktion Coppelius ebenfalls beteiligt war, was ihn schließlich zum Nervenzusammenbruch führt.
Für viele Menschen wird es nicht nachvollziehbar sein, sich von einer so plumpen Masche hereinlegen zu lassen. Sich vollkommen etwas hinzugeben, dass nur den Schein erweckt hat, Zuneigung zu empfinden. Leider gibt es aber nicht wenige Berichte von Betrug, bei dem sich kriminelle mit kreativen Mitteln und durch vorgetäuschte Liebe, an Opfern bereichern. Muss es für sie nicht gleichmäßig zerschmetternd sein, herauszufinden, dass nichts echt war? Viel schlimmer noch, eine Farce zu ihrem Nachteil.
Der Fall
Nachdem sich unser Protagonist etwas erholt hat und sich wieder mit seinen Freunden umgibt, steigen sie auf einen Turm um die Aussicht zu genießen. Als er jedoch am Fuße des Turms Coppelius entdeckt, bricht sein Psyche erneut. Resultierend springt, bzw. fällt er vom Turm in den Tod, vor die Füße seiner Freunde.
Wir haben mit den verschiedenen AI Auskopplungen die Möglichkeit und diverse falsche Realitäten vorzuspielen, und zu täuschen und wundersame Welten zu erschaffen. Wir kennen die Gefahren und arbeiten dagegen, dennoch wissen wir, dass die Technologie nicht mehr aufzuhalten ist, somit tun wir alles für die friedliche Co-Existenz. Was muss geschehen um einen “Sprung” zu erreichen? Wann ist es noch jugendlicher Leichtsinn, sich auf etwas einzulassen und ab wann kehrt es sich zum Wahnsinn?
KI stürzt uns nicht ins Verderben. Letztendlich steckt Coppelius hinter dem Apperat, dem bösen Plan und dem vernichtenden Ende. Aber wie hätten wir Nathanael retten können? Vielleicht sind AI generierte Inhalte am besten, wenn sie das Unwichtige thematisieren. Vielleicht ist der Mensch von Nöten, wenn es wirklich darauf ankommt. In naher Zukunft werden wir diese Fragen beantworten müssen. Als Gesellschaft, aber auch als Individuum. Wir haben die verlockende automatische Puppe bereits gebaut, wir müssen nur entscheiden, wann wir die Brille auf- und absetzen.